Die Zukunft zu kennen zerstört die Zukunft

Sobald Menschen eine ungünstige Zukunft erkennen, setzen sie alles daran, diese Situation zu verhindern, auch mit dem Risiko, dadurch genau diese Situation zu schaffen.

 

Ein Paradoxon, das zu akzeptieren vielen schwer fällt. Und doch gibt es einige Beispiele dafür. Unter anderen auch in den Göttergeschichten der Asen.

Als Lokis Sohn, der Fenrir-Wolf, von der Riesin Angrboda geboren wird, fürchten ihn die Asen, denn ihnen wird von den Nornen geweissagt, dass dieser sie alle vernichten wird. Die Götter kennen nun die Zukunft. Und sie setzen alles daran, sie zu verhindern. So wollen sie den Wolf aus Angst vor ihrem Untergang in Fesseln legen.

Unter dem Vorwand einer Kraftprobe legen ihm die Asen Ketten an. Vertrauensvoll lässt er sich erst die Fessel “Läding” anlegen, welche er mühelos abwirft. Dann als zweites legen sie ihm die Fessel “Droma”(= Fessel) an, welche er ebenfalls ohne Probleme zerreißen kann. Zwar ist Fenrir ein gigantischer, unzähmbarer Wolf, jedoch hat er bis zu diesem Zeitpunkt keinem Gott einen Schaden zugefügt.

Das dritte Band, “Gleipnir” (= die Offene), welches ihn nun binden soll, ist mit Zaubern belegt. Es wurde von Zwergen geschmiedet. Aus dem Geräusch einer sich bewegenden Katze, dem Bärten der Frauen, den Wurzeln von Bergen, den Stimmen von Fischen, dem Schmerzempfinden der Bären und der Spucke von Vögeln. Dies ist mythologisch betrachtet der Grund, warum all diese Wesen diese Eigenart nicht mehr haben.

Der Fenrir-Wolf ist skeptisch, dass solch ein feines Band eine Herausforderung sein soll und vermutet ganz richtig, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht. Doch die Asen versichern entgegen der Wahrheit, dass alles seine Richtigkeit hat. Als der Wolf weiterhin skeptisch ist, verlangt er einen Vertrauensbeweis. Dieser wird von Tyr, dem Gott des Kampfes und Sieges und des Rechtes, erbracht, der daraufhin dem Wolf seine Hand ins Maul legt. Noch immer vertraut der Fenrir-Wolf den Göttern und fügt ihnen kein Leid zu, während sie ihn binden. Erst als er den Verrat bemerkt, erkennt, dass sein Vertrauen missbraucht wurde, beißt er Tyrs Hand ab. Und wird diese Schmach auch weiterhin nicht verwinden, denn zu Ragnarök kämpft er gegen die Götter und wird Odin, den Göttervater, verschlingen.

 

Für mich ist das nach solch einem Vertrauensbruch kein Wunder. Es stellt sich aber die Frage: Wenn die Götter die Weissagung niemals gehört hätten und niemals so verräterisch an dem Wolf gehandelt hätten … ob dann der Schaden überhaupt entstanden wäre …

 

(Die Göttergeschichte ist eine Nacherzählung aus der Edda nach Snorri Sturluson )

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